Wie schafft man es, von einem Nobelpreisträger zu sich nach Hause eingeladen zu werden? Ganz einfach: indem man seinen Werkekatalog durchforstet, eines seiner Werke im Unterricht behandelt und ihm dann in vielen Briefen seine Meinung schreibt. Unser Deutschkurs Klasse 11b hat es erfolgreich probiert.
Zuerst war es ganz schön aufregend für Minka, so ein buntes Völkchen vor ihrem Grundstück hatte sie wohl nicht erwartet. Jedenfalls wurden wir zunächst mal von einer völlig außer sich bellenden, ab und auf den Zaun entlang wachenden Hündin empfangen.
Wir, das sind die SchülerInnen der 11b und unser Deutschlehrer, Herr T., die sich - genauso aufgeregt - den Literaturnobelpreisträger Günter Grass kennenzulernen, auf der anderen Seite des Zauns eingefunden hatten.
Nun wohnt Herr Grass nicht in der schnell mal mit der S-Bahn zu erreichenden Hafen-City, auch nicht in einer gemütlichen deutschen Kleinstadt mit Regionalzuganbindung, auch nicht in einem niedlichen Dörfchen, in das eventuell ein Bus fahren könnte, nein, Herr Grass hat es sich ganz einsam in einer alten Villa abseits von Straßen und Bahnlinien in der Nähe des Elbe-Lübeck-Kanals bequem gemacht, wäre von Hamburg mithin am besten mit Kanu oder Tretboot zu erreichen gewesen.
Aber nach reiflicher Überlegung und mit Rücksicht auf die - wie gewohnt - trainingsverletzten Jungen in der Klasse zogen wir die letztlich doch weniger strapaziöse Anfahrt auf dem Landweg vor. Wir trafen uns in dem süßen Fachwerkstädtchen Mölln, statteten dem Glücksbringer Till einen Foto-Shooting-Besuch ab, weiter ging es dann per Kleinwagen-Pendelverkehr bis direkt vor den Gartenzaun, wo wie gesagt Minka uns in Empfang nahm.
Grass im Unterricht ...
Wie schafft man es von einem Nobelpreisträger zu sich nach Hause eingeladen zu werden? Nun, indem man seinen Werkekatalog durchforstet, eines seiner Werke im Unterricht behandelt und ihm dann in vielen Briefen seine Meinung schreibt.
Nun, in unserem Fall kam die Steilvorlage von Herrn Grass selbst. Tief versunken in eine Lyrik-Unterrichtseinheit über Liebesgedichte von Heinrich Heine schockte plötzlich ein Gedicht von Herrn Grass, gleichzeitig in verschiedenen Tageszeitungen veröffentlicht, die deutsche und wohl auch europäische Öffentlichkeit. "Was gesagt werden muss" richtete sich gegen das Schweigen der Welt über die aggressiven Töne, in denen der Staat Israel verkündete, er behalte sich vor, militärisch, also mit Waffengewalt gegen den Iran vorzugehen. In den Tagen nach der Veröffentlichung kam es zu einer wohl beispiellosen Anti-Grass-Kampagne vor allem der Springer-Medien. Herr Grass wurde als seniler Spinner, einer, der vollends den Verstand verloren habe, politisch völlig abwegig argumentieren würde, ja, sogar als Antisemit beschimpft.
Wir hatten uns gerade im Unterricht mit anderen deutschen Dichtern befasst, denen zu ihren Lebzeiten Ähnliches widerfahren war: Lessing wurde das Schreiben in der Öffentlichkeit von der Obrigkeit verboten, so dass er eher heimlich seinen "Nathan der Weise" verfasste, Heinrich Heine das Leben in Deutschland unmöglich gemacht, so dass er nach Frankreich fliehen musste.
Und jetzt wieder ein zur Hetzjagd freigegebener Dichter? Dazu noch wegen eines Gedichts? Das muss wohl ein herrlicher Moment für einen Deutschlehrer gewesen sein, und Anlass, das eigentlich vorgesehene Programm über den Haufen zu werfen. Jedenfalls befassten wir uns von nun an mit dem Grass-Gedicht, der Hasssprache der Zeitungsartikelschreiber und dem politischen Hintergrund, den Drohungen Israels den Iran mit Raketen anzugreifen.
Auffallend an den Kritiken in den deutschen Zeitungen war, dass eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Gedicht sorgfältig vermieden wurde, das einzige Ziel war, Herrn Grass fertigzumachen. Das hielten wir für zutiefst unseriös, das gefiel uns gar nicht.
Am Gedicht dagegen gefielen uns die wohlüberlegte Wortwahl und die stark verdichteten dezidierten Aussagen, mit denen Grass vor der Unberechenbarkeit Israels und der Gefahr eines sich weltweit eskalierenden Konflikts warnte. Gleichfalls die selbstreflektierende Haltung, mit der er sein Zögern als deutscher Dichter Israel kritisieren zu müssen darstellt, auch seine Vorausahnung sich der Gefahr der vernichtenden Beschimpfung auszuliefern.
Inhaltlich waren wir einhellig der Meinung, dass Grass Recht hatte. Israels Drohungen gegen den Iran sollten von der Weltöffentlichkeit nicht akzeptiert werden. Die Vorwürfe, der Iran beabsichtige Atomwaffen zu bauen war völlig unbewiesen. Selbst der CIA schrieb in einem Bericht, es gebe keine Anzeichen dafür, dass der Iran Atomwaffen bauen wolle. Die iranischen Politiker wiesen das Ansinnen von sich, wiesen darauf hin, dass der Einsatz von Atomwaffen der islamischen Ethik widerspreche, was vom sogenannten "Obersten Führer" Chamenei sogar in einer Fatwa verkündet und bestätigt wurde.
Nachdem wir uns so gründlich mit dem Gedicht und dem aktuellen Anlass befasst hatten, informierten wir uns über den eigentlichen politischen Hintergrund, den Konflikt zwischen Israel und Palästina. Israels menschenfeindliche Politik schien uns in keinster Weise gerechtfertigt. In dieser Einschätzung wurden wir bestätigt durch den Namensgeber unserer Schule, Herrn Nelson Mandela, der noch 2006 die Politik Israels gegen die Palästinenser als rassistisch und mit dem Apartheidsregime in Südafrika vergleichbar kritisiert hatte. Wohl als eine Art "Ergebnissicherung" erhielten wir von Herrn T. den Auftrag, unsere Standpunkte in Form individueller "Briefe" an Herrn Grass zusammenzufassen. Ursprünglich wohl nur als motivierende Hausaufgabe gedacht, packte Herr T. unsere gesammelten Werke tatsächlich in einen großen Umschlag und schickte sie an Herrn Grass.
... und bei Herrn Grass zu Hause
Ein paar Tage später saßen wir nun bei Herrn Grass zu Hause, in Ermangelung an Stühlen teils auf dem Fußboden, teils auf der Treppe. Mitten unter uns ein in der ganzen Welt berühmter deutscher Dichter: Vom Alter leicht gebeugt, kantiges Gesicht, wache, wissende Augen, die schwarze Pfeife in der Rechten, eine Tasse Tee in der Linken und in - von seiner Frau gestrickten roten Socken.
Während des ganzen Gesprächs ging Herr Grass ruhig und sachlich auf unsere Fragen ein. Natürlich ging es zunächst mal um sein umstrittenes Gedicht. Herr Grass machte deutlich, dass er es wirklich angetrieben von der Sorge um den Weltfrieden verfasst habe. Mitnichten wolle er das Regime in Teheran verniedlichen, was ihn störe, sei aber die bedingungslose Unterstützung, die ein atombewaffneter, unter der jetzigen rechtsnationalistischen Regierung zur militärischen Aggression bereiter Staat Israel von den westlichen Regierungen bekomme. Empört sei er, dass ausgerechnet Deutschland an Israel U-Boote liefere, die dort dann mit Atomsprengköpfen bestückt würden. Mit der Ablehnung seines Gedichts durch die Springer-Presse habe er gerechnet, nicht aber, dass sie so hämisch-hinterhältig auf der persönlichen Ebene ablaufen würde. Dabei habe er sich mit der Kritik an Israels Politik sogar eher zurückgehalten und sei auf die illegale und aggressive Siedlungspolitik, die ständigen Menschenrechtsverletzungen in Palästina gar nicht eingegangen.
Gefreut habe er sich aber auch auf die Zustimmung, die er auch von liberalen jüdischen Menschen bekommen habe, wie z. B. von der Tochter des verstorbenen ersten Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Frau Hecht-Galinski. Er bereue nichts und würde das Gedicht jederzeit wieder schreiben: "Was gesagt werden muss!"
Er bedankte sich für die Unterstützung, die aus unseren Briefen spreche. Tatsächlich hatte Herr Grass alle unsere ca. 20 handgeschriebenen Briefe, jeder in der Länge einer dreistündigen Deutschklausur, gelesen. Er äußerte sich zu einigen Textstellen und riet uns so weiterzumachen, das Wichtigste sei, den Mund aufzumachen, Unrecht nicht einfach nur geduldig hinzunehmen, das würde auch ihm Mut machen.
Bereitwillig und schmunzelnd sprach Herr Grass auch über sein Privatleben, die Familienfeiern nach der Verleihung des Nobelpreises, über seine Leidenschaft, das Tanzen, bei dem er mit seiner Frau die schönsten Augenblicke seines Leben verbracht habe - warnend vor gefährlichen Verführungen auch in der Gegenwart: über seine Jugend im Nazideutschland.
Interessiert erkundigte er sich auch über unser Leben, mit einer so munteren multikulturellen Gästeschar hatte er wohl gar nicht gerechnet.
Auf dem Nachhauseweg fragten wir uns, wie es möglich gewesen sei, dass ein so in Würde gealterter Mann, ein in der ganzen Welt geachteter und gelesener Autor, mit klarem analytischen Blick auf die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse der Gegenwart, ein aufmerksamer Zuhörer ohne einen Anflug von Arroganz oder Rechthaberei, derart hässlich und gemein wochenlang in den Medien fertiggemacht werden sollte? Herr Grass kennt wohl die Antwort, der Tabubruch, den er gewagt habe, sei wohl größer gewesen, als er vermutet habe.
So war es wohl, aber sie haben es nicht geschafft. Grass: Auch er habe keine Elefantenhaut, aber resignieren würde er nicht. Und damit steht Günter Grass für uns in einer Reihe mit anderen deutschen Dichtern, denen Ähnliches und Schlimmeres widerfahren war, z. B. Lessing und Heinrich Heine. Und seine Möchtegernkritiker in einer Reihe mit all den schon längst vergessenen geistlosen Gestalten, die schon immer vergeblich versucht haben, andere zum Schweigen zu bringen.
Übrigens hatte sich Minka inzwischen mit uns angefreundet und wollte sich liebevoll-schwänzelnd unsere Beine umstreifend von jedem Einzelnen von uns verabschieden - und unbedingt mit rauf auf das obligatorische Gruppenfoto.
